24. Januar 2014

Neues Leben in der Lederfabrik

Vier schwere Stahlketten hängen im Treppenhaus von der Decke. Sie hängen hoch. Gefühlte zwei Stockwerke in einer ehemaligen Lederfabrik in Langen. Gut gelaunt nehme ich Stufe um Stufe der hellen Holztreppe, freue mich über die Einladung zum Neujahrsfest, richte dabei meinen Blick nach oben. „Hier hatten wir einen Adventskranz von anderthalb Meter Durchmesser hängen“, erzählt stolz mein ehemaliger Kollege. Die Tagesstätte habe ich mehrmals besucht, vierteljährlich mit Menschen mit psychischen Erkrankungen Text-Bild-Reportagen für die Website erstellt. Jetzt bin ich Gast, staune und frage mich, wie viel Körbe Tannengrün hier wohl verarbeitet worden sind.

„Hunsrücker Spießbraten mit Wirsing und Kartoffelklößen“ steht auf einer Schiefertafel geschrieben. Lecker! Ich kenne die Küche, esse nicht zum ersten Mal hier. Auch mag ich Neujahrsfeste. Sie sind ein Lichtblick im grauen Monat Januar. Auch ist alles noch so jung, frisch, lebendig. Niemand ist abgehetzt. 50 Menschen sind heute zusammengekommen, ich fühle mich wohl unter ihnen.

Am Tisch sitzt das Ehepaar Frick, beide über 80 Jahre, aber quicklebendig. Bis 1974 haben sie hier in dritter Generation eine Gerberei- und Feinlederfabrik betrieben. 650 Tausend Einzelstücke wurden in der Werkstatt zusammengebaut, berichten die Mitarbeiter. Herr Frick beugt sich über den Tisch zu mir, sagt: „Ich freue mich immer, wenn ich die Laster in den Hinterhof fahren sehe“. Dabei strahlen seine Augen, mit seinen Fingern macht er Greifbewegungen, spricht: „Da spüre ich, dass geschafft wird“. 40 Mitarbeiter waren in der Fabrik beschäftigt. Heute besuchen ebenso viele Menschen die Tagesstätte. Sie kochen, arbeiten, verbringen den Tag miteinander, kommen gerne hierher.

Ich beobachte die Menschen, sage mir, dass es mit den Lederfabriken ein gutes Ende genommen hat. Überall sind in Stadt und Kreis Offenbach Orte zum Leben entstanden: Soziale Treffpunkte, Gemeindezentren, Räume für Künstler und Kreative, Wohnprojekte. Mich beeindruckt, wie sich das Ehepaar Frick über die Entwicklung ihrer Fabrik freuen kann.

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