Kontakt

alleMunde – anders kommunizieren
Taunusstraße 69
63067 Offenbach

Tel: +49 69 1751 5675
Tel: +49 176 5035 3472

E-Mail: johann.kneissl@allemunde.de

16. November 2022

Bücherherbst: Romane und Streugut

„Streu doch Gedichte ein“, sagte zu mir meine Autorinnenkollegin Annemarie Ptak, als wir eine Woche vor der Veranstaltung mit Buchvorstellung und Autorenlesung telefonierten. „Bücherherbst“ nannte die Buchhändlerin Lilia Frick in ihrem Buchhandladen „Lass und lesen“ den literarischen Abend im Rahmen der Frankfurter Buchmesse . 18 Titel hatte meine Kollegin in Hanau-Großauheim vorbereitet, ich sollte den Büchermarathon mit selbstgeschriebenen Zeilen auflockern und den Kopf der Zuhörer:innen für den nächsten vorzustellenden Roman freimachen. Ich spürte, dass kleine Gedichte anstatt einer Kurzgeschichte besser passen könnten und begann, in meinem digitalen Literaturordner zu stöbern. Uns beiden blieben drei drei Tage Vorbereitungszeit. Aber zurück zum eingangs erwähnten Telefonat: Beim Wort „Einstreuen“ musste ich an meine Kindheit in der Steiermark denken, als ich Kühen, Schweinen und Hasen Stroh in ihren Stall streute, die Tiere lebhaft wurden und wie Gämsen auf dem Streugut herumzusprangen. Eine literarische „Einstreu“ könnte doch auch meinen Zuhörer:innen gefallen, dachte ich mir, und fand an der Idee meiner Kollegin sofort Gefallen. Gesagt, getan. Ich streute nach und nach mit meinen gelesenen Gedichten die Buchhandlung ein. Gut zwei Dutzend Menschen angelten nach meinen Texten mit Eigenillustrationen, die ihnen wie bunte Herbstblätter vor die Füße flatterten. Auch meine Kollegin reichte ihre Romane an das Publikum weiter. Der Bücherherbst erstrahlte in allen Farben. Für alle sollte etwas dabei sein, so der Anspruch des Bücherabends.

So verwunderte es nicht, dass Annemarie Ptak ihre Romanvorstellung kulinarisch mit dem Titel „Zukunft kochen“ des Sternekochs und Klimaschutzaktivisten Holger Stromberg begann. 6,5 Millionen Tonnen Lebensmittel wurden 2021 in Deutschland vernichtet, umgerechnet 78 Kilogramm pro Person. Ausgefeilte Rezepte mit exotischen Früchten und exklusiven Fleischgerichten tragen zusätzlich zur Klimazerstörung bei, berichtet die Präsentatorin. Kurzum: Regional und kreativ mit wenig Fleisch- und Milchprodukten kochen, so das Fazit. Was lag also näher, als mit meinen Gedichten „Hafengärtner“ und „Kleine Gemüsebeete“ zu beginnen, gärtnerte ich doch selbst 5 Jahre im Offenbacher Hafengarten und jetzt im Frankfurter Grüngürtel im nahegelegenen Oberrad. Aber keine Sorge: Ich erzähle jetzt weder von meinen  ein dutzend Paradeisersorten noch von den Tonwasserspeichern, die ich mit Regenwasser fülle. Es geht weiter mit dem Bücherherbst mit dem Titel „Simon“ des Spaniers Miqui Oteró, der als Schlüsselfigur der Kurlturszene Barcelonas gilt und dem mit diesem Titel der literarische Durchbruch gelang. Ein Familienroman der letzten Jahrzehnte, der die Entwicklung Barcelonas zur „Schicki-Micki-Metropole“ nicht ausspart und wie ein Schelmenroman daherkommt, erzählte meine Kollegin. Ich antwortete mit meinen Gedichten „Die Welt ist rund“ und „Alles“. Passend zum Ableben der Queen folgte „Die souveräne Leserin“ des populären britischen Dramatikers Alan Bennett. Die Queen beauftragt den Küchen jungen Norman, ihr Bücher zu empfehlen und zu beschaffen. Er bringt sie dazu, zur begeisterten Leserin schöngeistiger Literatur zu werden, die Kunst des „gleichzeitigen Lesens und Winkens“ zu beherrschen und dabei in der Kutsche das Buch „unterhalb der Fensterkante“ zu halten. Alan Bennett sei ein Spezialist des englischen Humors und dafür bekannt, mit seinem Hausschein spazieren zu gehen. Ich ergänzte mit „Großer Geburtstag“, eine Hommage an Virginia Woolf, und dem Gedicht „Hundeleben“, einer Beobachtung unserer Labradorhündin.

„Das besondere Elternhaus“ war meine Antwort auf den vorgestellten Roman „Die Nacht unterm Schnee“ von Ralf Rothmann, der eine Maurerlehre absolvierte und als Krankenpfleger arbeitete. Es ist der dritte Band seiner Trilogie und erzählt die Geschichte eines 16-jährigen Landarbeitermädchens, dass im Winter 1945 von einem russischen Soldaten vergewaltigt wird und darüber, wie sie ihr Leid verdrängte, damit anderen Leid zufügte, aber auch um den Willen zum Leben, zur Liebe, schildert Annemarie Ptak. Zum Titel „Ewig währt am längsten – Tante Ernas Tanz“ von Markus Orths holte ich aus dem Publikum meine Sprachstudentin Mariella F. v. Flotow aus Peru auf die Bühne, Autorin der Hanauer Buchstabenwerkstatt, die ihre amüsante Kurzgeschichte „Die Dame mit dem roten Schal“ vorlas. In Orths Roman geht es um „ein Dorf in der Provinz, skurrile Charaktere und einen vorgetäuschten Todesfall“ schrieb NDR-Kultur. Die 99-jährige Tante Erna trinkt unterm Dach mit dem Pastor Fusel. „Die Dame mit dem roten Schal“ ist 96 und hat neben ihrem Sofa einen Bierkasten stehen. Mariella F. v. Flotows Geschichte war beim Publikum eine Punktlandung. Es sollte weitere Romantitel regnen: Darunter Lucy Frickes „Die Diplomatin“, „Ein Sommer in Nierndorf“ von Heinz Strunk, ein Text über eine Auszeit in einem Ostsee-Apartment, in dem ich mein Gedicht  „Locarno“ einstreute. „Nachmittage“ von Ferdinand von Schirach, das dreizehnte Buch des Bücherherbstes, dessen Kurzgeschichten u.a. in Berlin, Tokyo, New York und Wien spielen, würzte ich mit meinem Prosagedicht „Wiener Neustadt – Café Stadler“. Lediglich einmal wich ich vom „Einstreuen“ ab und las auf Wunsch meiner Kollegin zum Kriminalroman „Tod im Bankenviertel“ des Finanzjournalisten und Autors Detlef Fechtner den ersten Teil meiner Kurzgeschichte „Goethe wieder auf Beinen“. Ich ließ in einer lauen Sommernacht den ausgeruhten Dichterfürst am Frankfurter Goetheplatz vom Sockel steigen und gutgelaunt nach Offenbach spazieren.

Am Ende angelangt, sollte es mit dem achtzehnten Buch wieder um das Thema regionales und saisonales Kochen gehen: „Garten-Koch-Buch-Pflanzen-ernten-saisonal genießen“. Ich schloss den Lesereigen mit „Tomatensommer“:
Oberräder Buntgesichter / stellen die Gemüsewelt / sommerlang auf den Kopf // Salatköpfe wetteifern / mit neuen Frisuren // Kräuter in Hochbeeten / pinseln aus / Goethes Farbtöpfen // Unter der Decke / halten Erdäpfel / ihre Rundungen versteckt // Beginnen die Herren Grünkohl / sich warm anzuziehen / müssen die Tomatenmädels / ihre bunten Sommerkleider / in die Schränke räumen (aus: Literatur zur Werkzeit, S. Katharina Eismann, Johann Kneißl u.a. (Hrsg.), Offenbacher Editionen 2014.

Ich bedanke mich bei der Buchhändlerin und meiner Kollegin für den tollen Abend. Danke auch an die Buchhandlung Lass und Lesen für die zur Verfügung gestellten Fotos.

Hier finden Sie eine Auswahl unveröffentlichter Gedichte:

Alles

Großer Geburtstag

Hundeleben

Kleine Gemüsebeete

Mit leuchtenden Augen

Schwertransporter

Stammgast in Offenbach

17. August 2022

FeierAbend mit „Literatur zur Werkzeit“ im Gärtnerhäuschen

Das Offenbacher Literaturprojekt entstand vor 10 Jahren als Format zur Werkzeit. Ein Jahr lang wurde jeden ersten Mittwoch im Monat während des laufenden Betriebs in Geschäften und Lokalen eine Stunde lang der gewohnte Arbeitsalltag mit Literatur und Musik etwas „durcheinandergebracht“. Sechs Autor*innen und neun Musiker*innen boten an zwölf Orten hausgemachte Buchstaben- und Klangkost. Jetzt mutierte das Arbeiter*innen-Format zur FeierAbend-Veranstaltung im „Offenbacher Gärtnerhäuschen“, gelegen auf dem Bieberer Berg am Rande des 22 Hektar großen und über 100 Jahre alten Leonhard-Eißnert-Parks. Das Gärtenhäuschen war jahrzehntelang die Betriebsstätte der Gärtner, durch das heutige „blaue“ Rundbogentor fuhren schwere Garten- und Landschaftsmaschinen.
Anna Hüpenbecker, langjährige engagierte Vorsitzende der Naturfreunde Offenbach e.V., erreichte mich während meines Sommerurlaubs mit Frau und Hund in der Stadt Pula, dem „kleinen Rom“ auf der Südspitze Istriens in Kroatien. Während unseres 10-minütigen Telefonats erzählte ich ihr von meiner aktuellen literarischen Arbeit und erwähnte mehr nebenbei mein erstes Leseprojekt mit der Literaturgruppe „Autoren unterwegs in Offenbach“. Postwendend ihre Antwort: „Das will ich haben.“ Gesagt, getan. Mit Literatur zur Werkzeit begann ich mein literarisches  Schreiben. Genau 10 Jahre später lese ich am 15. August 2022 im „Grünen Wohnzimmer“ beim Kulturformat „FeierAbend“ der Naturfreunde.

Auch zu FeierAbend blieb es wie zur Werkzeit bei einer Lesestunde – einschließlich Begrüßung und Vorstellung des Leseprojekts. Auf die Minute. Mein vierteiliges Lese-Set verfolgten „im Stuhlkreis“ ein gutes Dutzend Menschen unter einem hoch über die Köpfe hinausgewachsenen „grünen Lesezelt“. Der Baumbestand im Park ist ein Geschenk im Zeiten des Klimawandels. Welche Erholung bietet er dem Mensch in den Hitzesommern, bei denen die Temperaturen zu Feierabend am höchsten sind. Ein Dank den Bäumen! Noch nie habe ich so „lauschig“ gelesen. Die lockere Wohnzimmer-Atmosphäre vor dem liebevoll restaurierten blauen Tor bei ordentlich belegten Käsebrötchen und spanischem Rotwein entspannte auch die Gäste. Beeindruckend auch ihre Aufmerksamkeit und Empathie, die sie mir als „FeierAbend-Autor“ entgegenbrachten. Es war eine Stunde voller Leben – und das nach meinem fünfstündigen Onlineunterricht in einem B2-Berufssprachkurs.


Buchstabenleser mit Zuhörerin: Johann Kneißl und Anna Hüpenbecker am Lesetisch mit den hochwertigen textilgebundenen Büchern „Literatur zur Werkzeit“

Mein Leseprogramm, das die Zuhörer*innen auch in ihre Hände nehmen konnten, kam gut an. Als Eröffnung las ich meine starken Offenbach-Gedichte: „Damenbluse ohne Duldung“, „Nordenddreck“, „Hafengärtner“, „Tomatensommer“ und „Wolkenlos“. Sie waren der perfekte Einstieg und zeigen Offenbach von der ungeschminkten und liebenswürdigen Seite. „Nordenddreck hat mir am besten gefallen. Das Gedicht ist wie das echte Leben“, sagte nach der Lesung ein Zuhörer zu mir. Im zweiten Teil ging es mit „Besonderes Elternhaus“ und „Oststeirischer Frühlingsreigen“ um meine Herkunft. Mit der in beide Gedichte eingebetteten Kurzgeschichte „Frischmilch und Topfenstrudel“ schlug ich die Brücke von einem oststeirischen Kuhstall zur  Offenbacher Käsefabrik L‘ Abbate.
Natürliche durfte auch Nachdenkliches, Sprachphilosophisches nicht fehlen. Unser Kopf ist schließlich kein Dauerläufer. Mit „Kopfleere“, „Der Buchstabensucher“, „Lauf Hase, lauf“ und „Blühende Männerfüße“ wurde so manche Not eines oft bis zum Anschlag arbeitenden „Kopfes“ spürbar. „Der Buchstabensucher“ erinnerte meine Zuhörerin und Autorenkollegin Annemarie Ptak an das Suchen der Buchstaben auf der Schreibmaschine im letzten Jahrhundert ohne Zehnfingersystem. Auch bei „Kopfleere“ entdeckte sich eine Besucherin wieder. „Unser Kopf braucht Halt und Handlungsspielräume zum Überleben“. Den Höhepunkt der Lesung bildete schließlich mein „gemischter Satz“ mit den „schönen Gedichten“, die den Zuhörer*innen sichtlich Freude bereiteten. Ein Gemisch aus der runden Welt (Wie schön), einer Zugfahrt durch das Tessiner Tal von Zürich nach Locarno (Locarno und Tessiner Abendkleid) und der goldglänzenden Pellkartoffel (Sie glänzt so wunderbar).
Danke an die Zuhörer*innen für diesen wunderschönen Abend. Mein besonderer Dank gilt Anna Hüpenbecker für die Organisation, Bewirtung und einzigartige Atmosphäre. Eine weitere Veranstaltung im Gärtnerhäuschen mit „Literatur und Musik“ ist in Planung. Freuen Sie sich darauf!

Besonderes Elternhaus
für Brigitte S.
Kuhstall // Volksschule // Landwirtschaftliche Fachschule // Schmiedehammer //
Und ich dachte, sagte sie // du kommst // aus einem // ganz besonderen // Elternhaus //
Dachte ich – // so wie // du dich // ausdrückst

… da, wo man das Leben noch riechen kann
Nordenddreck
Die Stadtsäckel sind leer – // das ist gut so // Es wird nicht gassenweit aufpoliert // auch die Metropolenbewohner werden verschont //
Entlang der Häuserzeilen Lattenroste // liebesgetränkte Schaumstoffmatratzen //
durchgesessene Sofaelemente // Geschichten um Geschichten //
Das Dreckige
damals neu // in preissturzgekrönten // Möbelhäusern // diesen ausladenden // Indoor-Fußballplätzen //
Der Dreck ist schöner // Man riecht förmlich die um die Ohren // geschlagenen Nächte // Tränen und Schweiß // die Pommes mit Mayo // amerikanische Cola // türkischen Mokka

Kopfleere
Den leeren Kopf nicht schlechtreden. // Besser bekommt ihm, // wenn er haltgebend in beide Hände genommen wird. //
Keinesfalls Haare raufend auf ihn einprügeln.

Wie schön
Die Welt ist rund – // wie schön.
Geradeaus ist kein // zu Ende kommen.
Und eckig – // ein fortwährendes // sich den Kopf // anstoßen.

Sie wollen mehr davon lesen? Die Anthologie „Literatur zur Werkzeit“ können Sie bei mir für € 14,80 plus Porto bestellen.
Literatur zur Werkzeit, Siegrid K. Eismann / Johann Kneißl u.a. (Hrsg.), Offenbacher Editionen, OE
Klicken Sie für Ihre Bestellung auf das Kontaktformular hier:

 

 

1. August 2022

Mit Sprache aus dem Gefängnis ausbrechen

Mit ihrem Gedicht „Viel lesen, viel schreiben und viel reden“ eröffnete Gina Sipek den musikalischen Lesereigen von drei Autor*innen und zwei E-Gitarristen vor 60 Gästen im Hof des Offenbacher Mehrgenerationenhauses in der Weikersblochstraße. Gina Sipek intonierte mit klarer Stimme und brachte ihre Erfahrungen beim Erwerb der deutschen Sprache mit fünf Kurzzeilen auf den Punkt: „Am Anfang fühlt man sich wie in einem Gefängnis, wo deine Worte, Gefühle, Freude in dir bleiben.“ Das Gedicht entstand in der Offenbacher Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT. Gina Sipek besuchte bei der vhs den B2-Sprachkurs und nahm an der Schreibwerkstatt teil. In der im Anschluss gelesenen Kurzgeschichte „Eltern Kennenlernen – kein Tourist“ führt Gina Sipek die Zuhörer*innen in ein südosteuropäisches Dorf zu ihrem Elternhaus nicht unweit der Stadt Ramnicu Valcea, eine der ältesten Siedlungen in Rumänien. Sie lebte in drei europäischen Ländern, heiratete unterwegs und wanderte mit ihrem Mann nach Deutschland ein. Die Reise ist eine Zeitgeschichte einer unternehmungslustigen Frau zurück in ihre Kindheit mit Tieren im Stall, eingelegte Paprika und Säcken mir Walnüssen. Der Besuch wird nicht angekündigt, auch kennen die Eltern den Ehemann nicht. Spontan bekommen sie ihn morgens beim Füttern der Tiere im Stall zu Gesicht, nehmen ihn herzlich in ihre Arme. „Er ist hier kein Tourist, er gehört zur Familie“, sagt die Mutter später, als die Tochter mit ihm zu Draculas Schloss, der Touristenattraktion „Bran Törzburg“, aufbricht. Die Kurzgeschichte gewinnt dadurch an Stärke, dass die Protagonistin sich nicht in ihrer Vergangenheit verfängt, in ihre Kindheit zurückfällt. Originelle Elterndialoge geben Einblick in das Leben auf dem Hof, das Dolmetschen der Tochter bildet die Lebensrealität vieler Einwander*innen ab. Die Dialoge bleiben originell, bodenständig, lebensbejahend. Die Absolventin einer Verwaltungsfachschule und gelernte Verkäuferin verdient ihr Geld in der Gastronomie und im Backwarenhandel. Zentrale Triebfedern der Handlung sind die Selbstständigkeit und Spontanität der Protagonistin. Kaum angekommen, bricht sie mitten in der Nacht auf, kommt mit ihrem Mann um 6:00 Uhr morgens am Schwarzen Meer an. „Seid ihr schon wach, das Frühstück ist fertig!“, ruft die Mutter zwei Stunden später ins Telefon. 6000 km ist Gina Sipek im Auto unterwegs. Die Reisetage mit dem Ehemann werden als Flitterwochen erlebt. „Wir standen spät auf, tranken unseren Kaffee wann wir wollten, fuhren los wie es uns passte. Die Tage gehörten uns.“ Bei der Abreise wird der Kofferraum „mit eingelegten Gurken, Paprika, Zwiebeln, Tomaten, zwei Liter reinem Zwetschgen-Schnaps, Kirschkompott, Pflaumenmarmelade und einer großen Aldi-Tüte mit Walnüssen“ gefüllt. Als ein Jahr später ihre Mutter in Offenbach an der Bushaltestelle Frankfurter Straße / Ecke Ludwigstraße ankommt, geht es nach wenigen Stunden weiter zur Schwester nach Barcelona. Auch diese Reise wurde weder Mutter noch Schwester mitgeteilt: „Meine Mutter war nie zuvor im Ausland gewesen. Sie staunte in Paris, staunte in San Sebastian, staunte in Bilbao, staunte in Madrid und staunte in Barcelona.“

Konstantina Balgouranidou führt die Zuhörer*innen mit ihrer Kurzgeschichte „Guten Morgen ohne guten Morgen“ um 6:30 Uhr an eine deutsche Bushaltestelle ihres Wohnquartiers. Der Titel lässt erahnen, dass ihre Fröhlichkeit und gute Laune nur von vorübergehender Dauer sein wird – trotz aller Hartnäckigkeit beim Begrüßen der wartenden und neu ankommenden Fahrgäste. „Ich habe wieder ‚Guten Morgen‘ gesagt, während ich meine selbst gedrehte Zigarette rauchte. Keine Antwort. Ich war sprachlos und fragte mich, was ich falsch gemacht habe.“ Auch auf dem Weg zum Bahnhof bleiben im Bus die Emotionen im Keller. „Jeder hatte seinen Blick auf das Fenster gerichtet, ohne Emotionen.“ Ein Gedankenkarussell nimmt im Kopf der Protagonistin seinen Lauf. Wieso sind die Menschen hier so unfreundlich? Was ist mit ihnen los? Das „Guten Morgen“ gehört für die Autorin in Griechenland zur Mentalität. „Wie kann man ohne ‚Guten Morgen‘ froh zur Arbeit gehen, ohne ein lachendes Gesicht?“ Die Erzählerin brauchte „lange Zeit“, bis sie ihr Verhalten ändern konnte, ohne selbst ihren Tag freudlos zu beginnen. Heute grüßt sie an der Bushaltestelle nicht mehr. „Schade für die Menschen“, fügt sie am Ende ihrer Geschichte mit einem Bedauern hinzu.

Mit ihrer Sensibilität und Lebensfreude gelingt es der Sozialantropologin und Historikerin bei der Sommerlesung auch, Themen wie Tod und menschliche Identität anzusprechen. Mit dem philosophischen Prosagedicht „Das Leben, das wir noch nicht gelebt haben“, führt sie uns hinein in den „Zwischenraum Leben“, den wir täglich zu gestalten haben und an den wir uns zu erinnern vermögen, und zwar nur an den, wenn wir wieder aus dem Leben treten. „Wir kommen auf diese Welt alleine und sterben alleine.“ Für die Autorin bleibt nur der mit Menschen gestaltete Zwischenraum. „Es gibt Wörter, die du noch nicht gesagt hast, es gibt Menschen, denen dein Umarmen fehlt. Mach das jetzt. JETZT! Bevor du gehst.“ Konstantina Balgouranidou ist eine bedingungslose Lebensbejaherin, Jenseitsversprechungen sind ihr ein wackeliges Gerüst, das der Mensch noch nicht kennt und somit auch nicht sicher sein kann, ob er wirklich immer da sein möchte, wo es scheinbar am Schönsten sein soll. „Aber was wird passieren, wenn ich eigentlich dahin nicht gehen wollte? Kann ich das ändern wenn ich tot bin?“
Um Existentielles geht es auch im Gedicht „Mein Name ist…“ Ausgehend von ihrem Namen geht die junge Autorin tief in ihre Idendität hinein. „Ich bin nicht nur die eine Person mit meinem Namen.“ Sie schafft Bewußtsein für all die sie umgebenden Menschen: die Freunde in der Kindheit und  Jugend, die Großeltern und Eltern, den Ehemann und viele mehr. „Wie heißt du? Wie präsentierst du dich? Bist du zufrieden mit (…) deiner Prosonalität?“ Die Fragen sind leise mehr an sich sebst, aber auch ans Publikum gerichtet. Konstantina Balgouranidou blickt „klaren Auges“ in die Runde, ins Gesicht ihrer Mutter, ihres Ehemannes, lässt Pausen ehe sie auf der Bühne verstummt, die Tränen zu laufen beginnen…

Es ist die Musik der virtuosen E-Gitarristen Torsten Buckpesch und seines Schülers Lukas Jahn, die nach einer kurzen Pause den philosophischen Faden gekonnt aufnimmt, die Texte der Autorin mit Herzblut umspielt und es versteht, eigenständige Akzente zu setzen und den Faden weiterzuspinnen. Es ist die Stärke der Musik mit ihren Jazz, Rhythm & Blues-Improvisationen von George und Ira Gershwin, Duke Ellington, Pink Panthers und eigenen Titeln, die nie von den Texten ungerührt bleibt und das Berührtsein vor dem Publikum auch offen ausspricht. Stets sind die Übergänge fließend, die Stimmung der Texte wird aufgenommen, das musikalische Programm spontan variiert. So bleiben Literatur und Musik miteinander verwoben und die Autor*innen wie E-Gitarristen konnten beim Zuhören des jeweils anderen voneinnder profitieren. Eine Augenweide bildete dabei auch die siebenseitige selbstgebaute Jazzgitarre von Torsten Buckpesch. Und das großartige Publikum verstand es, Musik und Texten zu lauschen. Es war so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Nach der kulinarischen Pause und Rundgängen an den zehn Holzstelen, an denen die Autor*innen ihre Texte als „Hofausstellung“ präsentierten, fädelte Johann Kneißl als dritter im Leseverbund  mit seinem lyrischen Prosasextett „Der blaue Kran“ (Offenbacher Einladung, Größenwahn-Verlag / MAIN-Verlag) seine Zuwanderergeschichte in die Texte der Buchstabenwerkstatt ein. Er performte 35 Jahre erlebte Geschichte mit dem Offenbacher Hafenkran vom industriellen Roboter zum Kran der Künste „Belvedere“. Der Autor, der mit knapp 50 Jahren zu schreiben anfing, begann 1985 sein Leben in Deutschland gegenüber in einem antroposphischen Altenheim im Gartenhäuschen am Nordring 52. Er hörte das Krachen der tonnenschweren Frachten auf Waggons und LKWs, gärtnerte auf der Schotterpiste im Offenbacher Hafengarten und genießt jetzt den Aussichtsturm an seiner nahegelegenen Wohnung im Holzhybridhaus. Auch seine unveröffentlichte Kurzgeschichte „Ankunft eines Zuwanderers“ ist eine Hommage an seine zur Heimat gewordenen Stadt Offenbach, die er vom ersten Tag nie als fremd erleben sollte. Es sind die Menschen aus über 168 Ländern, die ihm immer neue Begegnungen eröffnen und ihn so in Offenbach in der nahezu ganzen Welt zuhause sein lassen.

Konstantina Balgouranidou schloss mit ihrer Kurzgeschichte „Mein Körper wurde schweißnass“, bei dem sie von ihrem ersten Vorstellungsgespräch im Glasturm einer Frankfurter Bank erzählt, den musikalischen Lesereigen gegen 19:30 Uhr. Die Autorin brachte zum Schluss der Lesung auf den Punkt, wie grundverschieden der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt im Vergleich zu vielen Herkunftsländern ist und welche Hürden ein Vorstellungsgespräch, das selbst um eine Stelle als Servicekraft geführt werden muss, Zuwander*innen auferlegt und „schweißgebadet“ aus Konferenzräumen treten lässt. „Bei meiner letzten Stelle hatte ich einen Zettel im Schaufenster gesehen. Ich schickte eine Nachricht im Messenger. Wir vereinbarten im Messenger einen Termin – ohne Berbungsunterlagen. Das ist hier nicht so.“

Jürgen Platt, Gründungsvorsitzender des Vereins Lebenszeiten e.V. und Mitbewohner des Hauses mit über 40 Menchen in 28 Wohnungen, moderierte mit viel Gefühl die zweieinhalbstündige Veranstaltung bei angenehmen Temperaturen im Hof des Mehrgenerationenhauses. Er führte die Autor*innen und Musiker steckbriefartig in ihre Lese- und Musiksets ein und setzte sie damit ins rechte Licht auf der Sommerbühne, die mit Sonnensegel und der bereitgestellten Tonanlage den Künstler*innen ideale Bedingungen bot. Er fand auch in den Übergängen zwischen Musik- und Leseszenen immer die richtigen Worte für die Künstler, mit denen er auch das Publikum berührte und die Zeit kurzweilig vergehen ließ.

Der Dank gilt natürlich den vielen Helfer*innen, die den Hof bestuhlten, ein schmackhaftes Buffet nach den Herkunftsländern der Zuwander*innen zubereiteten und in den Pausen mit Erfrischungsgetränken verkauften, die  für eine einwandfreie Technik und damit rundum für eine gelungene Veranstaltung sorgten, bei der zwei Zuwanderinnen und Autorinnen der Buchstabenwerkstatt erstmals in einem Stadtquartier ihre Texte der Öffentlichkeit präentieren konnten. Danke auch an Clara Werner, die die Veranstaltung fotografierte. Lastbut not least gilt unser Dank dem neuen Vorstand von Lebenszeiten e.V. um Christine Klein und Matthias Steurer, der uns sehr herzlich aufnahm und eine großartige Bühne bot. Gerne wieder.

Beim Autor erhältliche Publikationen:

Die Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT, Johann Kneißl (Hrsg.), Offenach, 2. Auflage 2022, Werkstattheft 1+2 € 13,00
Licht*Skizzen, in: DD3 Druck und Design, pict kommunikationsdesign (Hrsg.), Zarbock GmbH 2020
Der Blaue Kran, in: Offenbacher Einladung, Ingrid Walder / Sigrid K. Eismann (Hrsg), Größenwahn Verlag 2019, € 14,90
Literatur zur Werkzeit, Siegrid K. Eismann / Johann Kneißl u.a. (Hrsg.), Offenbacher Editionen, OE, 2015, € 14,80
Wir brauchen noch Kaffee und Zucker, Offenbacher Editionen OE, 2014, € 16,80

Klicken Sie für Ihre Besellung hier:

19. Juni 2022

Erfolgreiches Graswurzel-Crowdfunding – Lesung am 26. Juni im Mehrgenerationen-Wohnhaus WK58

Vor einem halben Jahr entschied ich mich für ein Graswurzel-Crowdfunding zur Druckkostenfinanzierung meiner Werkstatthefte 1+2  mit einer Auflage von 200 Exemplaren. In Form einer „Subscriber-Aktion“ suchte ich Käufer:innen für 120 literarische Hefte mit Gedichten und Kurzgeschichten von zugewanderten Menschen aus aller Welt, die im Rahmen meiner Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT bei Schreibworkshops in Hanau und Offenbach entstanden sind. Jeweils drei Hefte sollten die 20 Autor:innen kostenlos erhalten, 20 Hefte plante ich als Leseexemplare für meine Sprachkurse im Level B1 und B2 ein.
Ende Januar hatte ich bereits Zusagen für 60 Werkstatthefte und erteilte den Druckauftrag. In den letzten drei Monaten konnte ich mit vielen Menschen interessante Gespräche zu meiner Schreibwerkstatt führen und weitere Unterstützer:innen für das Projekt gewinnen.

Autor:innen der Buchstabenwerkstatt kauften 30 Hefte und verschenkten sie an ihre Freund:innen weiter. Es war für mich ein schönes Gefühl zu beobachten, mit welcher Freude und mit welchem Stolz sie ihre ersten literarischen Texte bis in ihre Heimatländer verschickten. Auch Kolleg:innen im Spracherwerb Deutsch als Fremdsprache DaF unterstützten mich tatkräftig, desweiteren eine Buchhandlung und eine Kaffeerösterei, die in ihren Geschäften die Werkstatthefte verkaufen. Nicht zuletzt trug das Stadtmagazin Mut & Liebe mit einem Aufruf zum Erfolg des Crowdfundings bei. Insgesamt wurden 124 Hefte für einen Wert von € 806 gekauft und damit die Druckkosten mit einer Auflage von 200 Exemplaren vollständig finanziert. Wie geplant konnte ich 60 Hefte an die Autor:innen kostenlos weitergeben und 20 Leseexemplare bereits wiederholt in meinen Deutschkursen einsetzen. Alle Unterstützer:innen finden Sie hier.

Besonders stolz bin ich über die Anfrage für eine Open-Air-Lesung des Vereins Lebenszeiten e.V., der in der Weikertsblochstraße 58 das Mehrgenerationenhaus ins Leben rief und diesen Sommer mit der Reihe „Sonntags um fünf“ vier Veranstaltungen mit Literatur & Musik auf dem Programm hat. Am 26. Juni werden Gina Sipek und Konstantina Balgkouranidou, beide  Teilnehmerinnen meiner Offenbacher Buchstabenwerkstatt, um 17:00 Uhr aus dem Werkstattheft 2 und auch neue Texte lesen. Ich selbst werde meine unveröffentlichte Kurzgeschichte „Ankunft in Offenbach“ erstmals vorlesen und aus dem Buch „Offenbacher Einladung“ das Gedicht „Der blaue Kran – ein lyrisches Prosasextett vortragen.

Musikalisch begleitet werden wir von den E-Gitarristen Thorsten Buckpesch und Lukas Jahn. Zur Literatur und Musik werden Spezialitäten aus dem Balkan serviert. Alle Texte werden auf 10 Holzstelen dem Publikum präsentiert. Der Eintritt ist kostenlos.
Ort und Zeit: Weikertsblochstraße 58, Musikantenviertel Offenbach, 26. Juni, 17:00 Uhr. Klicken Sie zur Einladung hier

 

 

 

4. Dezember 2021

Neue Kurzgeschichten von geflüchteten und zugewanderten Menschen erschienen

Seit nunmehr fünf Jahren lehre ich aus Kriegsländern geflüchteten und aus aller Welt nach Deutschland zugewanderten Menschen in Integrations- und Berufssprachkursen Deutsch als Fremdsprache (DaF). Von den ersten Worten bis zum Universitätsniveau.
Bis heute ist für mich diese Arbeit Bereicherung und Herausforderung zugleich: Erfahre ich doch von Menschen aus allen Kontinenten ihr „halbes Leben“ und kann mich so ohne Reisen zu müssen in meiner Heimatstadt „in der ganzen Welt“ zuhause fühlen, so heißt es für mich zugleich, neben der Vermittlung der schwierigen deutschen Sprache und den Grundregeln eines  demokratischen Zusammenlebens, auch ihre Sorgen und Wünsche in den Unterricht einzubeziehen. Dabei prallen Lernkulturen und Sprachniveaus aufeinander. Sind die einen neugierig und zielstrebig in ihrem Vorankommen im neuen Heimatland, so verzweifeln die anderen nahezu ob ihrer Schwierigkeiten beim Spracherwerb oder bei der Suche nach einer Arbeit. War für die geflüchteten und zugewanderten Menschen der Mangel und das Alltagsleben im Herkunftsland schon groß und schwierig genug, so müssen sie erneut von vorne beginnen: Neben dem Erlernen der Sprache z.B. mit einer neuen Ausbildung

als Erzieher*in oder als Fachkraft Pflege beginnen, obwohl sie oft über 20 Jahre als Lehrer*innen in ihrem Herkunftsland unterrichtet oder als qualifizierte Fachkräfte gearbeitet haben. Payal aus Pakistan bringt das Dilemma auf den Punkt: „Ich fühle mich so wie ein Kind. Ich fühle, als wäre ich nochmal geboren, wie ein Kind, das nicht die Sprache kann, nicht die Leute kennt aber es weint, gleich wie ich.“

Das Erzählen ihrer Her-, An- und Zukunftsgeschichten während des Deutschunterrichts und in den Pausen brachte mich auf die Idee, den Menschen neben der klassischen Sprachvermittlung ein anderes Format anzubieten. Ein Format, das Zeit und Raum lassen soll, das Persönliche in Form von Gedichten und Kurzgeschichten aufzuschreiben und literarisch zu gestalten. Da traf es sich gut, dass mich im Frühjahr 2019 Pia Glück, Programmbereichsleiterin für Deutsch als Fremdsprache und Hauptschulabschlüsse bei der vhs Offenbach, in ihrem Büro ansprach und sozusagen den Faden in meinem Kopf aufnahm. Zwei Wochen später startete ich meine Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT. Später kam Dr. Judith Lechner vom Grundbildungszentrum der vhs Hanau auf mich zu. Nun haben in zwei Jahren 20 Menschen an insgesamt 20 Schreibabenden und Workshop-Tagen ihre Lebensgeschichten in zwei Werkstattheften veröffentlicht.

Neben gemeinsamen Lektüreabschnitten ausgewählter Gedichte und Kurzgeschichten von zugewanderten Menschen schrieben die „frischgebackenen Autor*innen“ über nahezu alle Zeitphasen und Themen ihres  Zuwander*innen-Lebens: Von Liebe bis Tod. Yenny Schüttler-Ruge aus Kolumbien schließt den Kreis: „Der Taxifahrer hat mich durch den Spiegel beobachtet und endlich gefragt, ob ich es eilig hätte? Dann habe ich ihm erzählt, was mir gerade passiert ist. In diesem Moment dachte ich an das Leben meiner Mutter. Sie hat Lebensfreude, sie mag Spaziergänge, sie mag Musik und Tanzen. Vielleicht ist was schief gelaufen (…) ich spürte plötzlich unbeschreibliche Schmerzen in mir. Solche Schmerzen hatte ich nie zuvor in meinem Leben.“

Die beiden Werkstatthefte eignen sich sowohl für das selbstständige Lesen als auch für den Einsatz im Sprachunterricht Deutsch als Fremdsprache. Dabei ist das Werkstatt-Heft 1, das bei den Workshops in der vhs Hanau entstanden ist, für die Niveaustufe B1/B1+ bis B2.1 geeignet, das Offenbacher Werkstattheft 2 würde ich für die Niveaustufen B2 und C 1 empfehlen.

Die Hefte wurden von mir in Kooperation mit den Volkshochschulen Hanau und Offenbach mit 72  und 104 Seiten in  Großschrift und mit Illustrationen von Cettina Colantoni in Drahtheftung herausgegeben.

„Die Geschichten, die „unsere“ Teilnehmenden für dieses Heft geschrieben haben, haben mich sehr berührt. Die Geschichten geben einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Lebenswelt der Menschen – es ist wahrlich ein Geschenk, diese Geschichten lesen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie dieses Schreibprojekt mit den Teilnehmenden umgesetzt haben – ich bin sehr beeindruckt!“ (Elke Hohmann, Leiterin der Volkshochschule Hanau, zum Hanauer Werkstattheft 1)

Lesen Sie hier den Beitrag „Die Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT“ im Jubiläumsheft von Mut & Liebe, Ausgabe 41, Dezember 2021.

Die Werkstatthefte 1 + 2 können direkt bei mir zum Selbstkostenpreis zu je € 6,50 + Porto schriftlich gegen Rechnung bestellt werden: Johann.Kneissl@allemunde.de

Wenn Sie die Druckkosten mit meiner „Graswurzel-Crowdfunding-Aktion“ unterstützen möchten, klicken sie hier.

30. Oktober 2021

Augenglücke und Ohrenschmaus

Einen Wort-Bild-Dialog der besonderen ART führten kürzlich die Malerin Malgorzata Scholz und der Autor Johann Kneißl bei der Vernissage in der Galerie „Das Bilderhaus“ im Frankfurter Nordend. Jutta Uhlendorf-Baier, Kunstpädagogin, Galeristin und Inhaberin der Galerie, wies in ihrer Eröffnungsrede, die sich fragend den Ölbildern näherte und schnell in einen lebendigen Dialog mit der Künstlerin trat, auf die expressive Ausdrucksweise der Bildsprache zu profanen Alltagsthemen hin. Deutlich werde beim Betrachten der Bilder die Spannung und Unruhe der femininen Figuren, die Malgorzata Scholz durch ihre schnelle Arbeitsweise mit dynamischer Pinselführung geradezu potenziere, so die Galeristin. „Mein stressiger Berufsalltag mit Beginn um 5 Uhr morgens, die zwei Stunden täglich auf der Autobahn und dann erschöpft Zuhause ankommen, erzwingen das Malen zum täglichen Überleben – ich muss meine Spannung loswerden“, spricht Malgorzata Scholz in die Rede der Galeristin. Nachts erträume sie sich ihre Bilder und Figuren und versuche dann am nächsten Tag nach ihrer Arbeit „die Augenblicke – Augenglücke, die schnell in einer beschleunigten, überreizten Welt verfliegen“, mit dem schnellen Pinsel

auszudrücken, wie sie in ihren kleinen Texten, ihren „Homo-Frakturen“, festhält.
Pit Ufersteins Antwort, der für die Vernissage seine Gitarre mit Stahl- und Nylonsaiten bespannte, setzte den spannungsreichen Eröffnungsdialog spontan mit einem Trommelsolo auf seinem Instrument um, wie es später eine Besucherin treffend beschrieb. Es dauerte gefühlt drei Minuten bis das ohrenbetäubende Trommelfeuer abebbte und der O-Ton-Musiker seine Saiten wieder in den Griff bekam. Dann, haargenau an dem Punkt, wo die Musik sich ihren Raum zurückeroberte, begannen die Künstler ihren Wort-Bild-Dialog in die Gitarrenklänge einzufädeln. Alle sieben Dialoge, die in Form einer Wanderung durch die Ausstellung zu sieben Bildern gesprochen wurden, leitete die

Malerin mit einem Satzfragment aus ihren „Homo-Fraktur-Texten“ ein. Der Autor nahm mit fünf veröffentlichten – darunter der Prosatext „Mein erster Tag in Deutschland“ aus dem Werkstatt-Heft 1 seiner Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT –  und zwei aktuellen Prosagedichten den Faden auf. Stets waren es aber nur wenige Worte oder bis zu zwei Gedichtzeilen, deren Stimmung der Gitarrist spontan mit seinen Stahl- und Nylonsaiten aufgriff  und mit den Bildern in einen Dialog setzte.
„Sind das die unseren Augen-Glücke“, spricht Malgorzata Scholz zu ihrem gemalten Frauenkorpus im Festtagskleid, der befreit an einer langen Seilschaukel schwingt. Johann Kneißl antwortet mit seinem „Tessiner Abendkleid“: „Das himmelblaue / Tageszelt / verfärbt sich in / ein abendtrunkenes / Zwetschgenblau / / Knöchellang hängt / die Abendgarderobe / wie maßgeschneidert / über geformten Fesseln / in die Talsohle.“ Hinzudenken muss sich der Betrachter jedoch das knöchellange Kleid. Der Autor deutet es mit einer Handbewegung beim Lesen an. Es wird gelacht. Pit Uferstein spielt in die Verse hinein, verlängert das Kleid musikalisch, verbindet die Mal-und Sprachkunst.

Galerie: Das Bilderhaus: www.das-bilderhaus.de
Malerei: http://katalog.bbk-frankfurt.de/portfolio/malgorzata-scholz
Musik: https://www.facebook.com/uferstein
Texte: www.allemunde.de
Fotos: www.joerg-peter-hohmann.com

 

 

1. Juni 2019

lebbe gehd waider – malen und reden

Lebbe gehd waider – die Offenbacher Gruppe „Psychiatrie-Erfahrener Menschen“ bietet seit 1995 eine Überlebens-Plattform, ohne die es psychisch Erkrankte um einiges schwerer hätten. Die engagierte Selbsthilfegruppe hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Hunderte von Menschen konnten mit Hilfe von Gesprächs-, Freizeit- und Kreativangeboten ihren Alltag besser meistern. Die Gruppe wirbt mit dem Slogan „Alleinsein? Bei uns nicht!“. Aktuell werden die Gesprächsgruppe „Offener Treff“ und ein freies Malen im „Talentschuppen“ angeboten. Die Gesprächsgruppe wird finanziell unterstützt von der Stadtmission und vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV, das freie Malen von der Stiftung Lebensräume. Ein Portrait.

Offener Treff  Der 1. Mai ist ein sonniger Tag. Am Spätnachmittag treffe ich in der Waldstraße 36 im Hinterhof um eine Bank versammelt auf die wartenden Besucher des Offenen Treffs. Das Gebäude der Stadtmission im mediterranen Ambiente strahlt eine wohlige Wärme aus. Ich lese in den Gesichtern der Menschen und spüre, dass sie nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Dennoch werde ich herzlich aufgenommen, innerhalb der nächsten zweieinhalb Stunden lassen sie mich an ihrem Leben teilnehmen.
Wir sitzen im Gruppenraum um den Tisch bei Cola, Fanta und Mineralwasser. Johanna K., 54, kommt leicht verschwitzt vom Radklassiker Eschborn-Frankfurt angeradelt. Mit ihrem Freund stand sie an der Zieleinfahrt bei der Alten Oper und ist vom langen Tag müde, wollte dennoch den „Treff“ nicht ausfallen lassen. „Ich komme heute, weil ich die Leute sehen möchte, die letzten beiden Wochen konnte ich nicht dabei sein.“ Johanna K. und ein weiteres Gruppenmitglied haben kürzlich ihre Geburtsstage mit Nudelsalat und Spinat-Blätterteigtaschen in der Gruppe gefeiert. Acht Gäste seien dagewesen. Sie strahlt beim Erzählen und ist immer noch beeindruckt von den vielen Geschenken. „Damit habe ich nicht gerechnet. Ich war sprachlos.“ In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie kam Sie über die Ergotherapie zum Malen. Im Talentschuppen besprüht sie mit Stoffmalfarben Taschen und Kopfkissen. Sie fährt halbtags bei der VGF eine Straßenbahn. Lebbe gehd waider. (…)

Für psychisch erkrankte Menschen ist das Leben jedoch eine größere Herausforderung. Sie müssen mit „angezogener Handbremse“ vorankommen und sich immer noch vor der „Normalbevölkerung“ schützen. Erzählen sie in der Nachbarschaft, dass sie gerade aus der Psychiatrie kommen, wendet sich der aufgeklärte Bürger ab. „Mich stört, dass ich als psychisch kranker Mensch so zweitklassig behandelt werde. Diese Arroganz finde ich schrecklich, wir sind doch auch Menschen“, erklärt Alfred M., 62, der wie alle anderen Gruppenmitglieder nicht möchte, dass sein vollständiger Name öffentlich gelesen werden kann. Alfred M. kommt regelmäßig in die Gruppe, „weil ich hier nicht das Gefühl habe, allein zu sein“. Er hat Vertrauen zu den Menschen gefasst, und kann sich mit ihnen „über verschiedene Themen austauschen“. Alfred M. singt auch im Projektchor Klanggarten. Heute muss er früher weg. Letzten Sonntag hat er mit seiner Schwester selbstgezogene Tomaten und Paprika gepflanzt. Die Pflanzen müssen gegossen werden, damit er im Sommer wieder täglich seine 3-5 Fleischtomaten essen kann. Auch ich ziehe im Garten Fleischtomaten, erzähle ihm von meiner „bunten Pracht“. Er bleibt eine Viertelstunde länger als geplant (…)

Talentschuppen  Vier Tage später bin ich am Sonntagnachmittag im Talentschuppen in der OFFENbar zu Gast. Sechs Künstlerinnen und Künstler sitzen um einen bunten Tisch mit Farbpaletten, Pinseln, Pastellstiften und Ölmalkreide. Ich komme mit unserer Labradorhündin Larissa. Schnell ist sie der Mittelpunkt des Geschehens. Während mir Kirsten L. ihre Mosaikbilder in Postkartengröße zeigt, bekomme ich eine Tasse Tee und Apfelkuchen serviert. Ihre figürlichen Bilder wirken auf mich dynamisch, die Ölpastellkreide verleiht ihnen eine angenehme Wärme. „Bewegung und Stimmung“ sind die Themen von Kirsten L. „Ich male für mich, ich muss für niemanden etwas produzieren.“ Sie findet es schön, in der Gruppe zu malen und kann sich dabei „ablenken“. Zuhause gelinge ihr das nicht.

Maria L. 31, malt schon seit der Oberstufe, kennt das Musee D’Orsay in Paris, war im Guggenheim-Museum Bilbao, im Bristol in London, bestaunte die Sixtinische Kapelle im Vatikan. Sie malt nach dem Boys-Motto „Jeder ist Künstler“. „Kunst ist für mich Leben, sie spiegelt mein Leben und das meiner Umgebung wieder“. Für Maria L. steht nicht die Ästhetik, sondern die Aussage eines Bildes im Vordergrund. Sie arbeitet heute an einem „verzerrten Selbstportrait“, angelehnt an Picasso. „Frau mit Seidenmantel“ nennt sie ihr ausdrucksstarkes Kunstwerk. Ihre Bilder sind expressiv und ohne Vorlage. Mit einem Pinselschwamm tupft sie Goldfarbe auf den Seidenmantel. „Sie kommen aus Österreich und haben mich an Gustav Klimt erinnert. Der Kuss“, sagt sie zu mir auf meine Herkunft bezogen.

Orli S., 57, malt nach Vorlage. „Die Waschwanne“ von Degas hat es ihr angetan, „die Schönheit des Bildes“. Sie arbeitet im Talentschuppen schon ein paar Sonntage an dem Bild „mit der schönen Frau“. Heute bekommt der Wannenboden seine Farbe. „Die Kunsttherapeutin hat mir dazu den Tipp gegeben. Damit das Bild seinen Boden bekommt.“ Orli S. betont die Wichtigkeit der Kunsttherapeutin. „Sie gibt uns eine künstlerische Orientierung und verhilft der Gruppe dazu, dass sie eine eigenständige Kunstgruppe bleibt“.

Kunsttherapeutin Brigitta Gerke-Jork kommt nach zwei Stunden zur Gruppe hinzu, gibt Anregungen, bespricht am Ende mit den Künstlern die Bilder an der Staffelei. „Ich helfe den Menschen in ihr Bild“ und fügt hinzu: „Die Bildbesprechung ermöglicht den Künstlern neben der eigenen auch die fremde Wahrnehmung.“

Tina H. war am 1. Mai im Offenen Treff, heute malt sie im Talentschuppen. „Eine Auftragsarbeit“, fügt sie schmunzelnd hinzu, als sie mir ihr „Haus für die Minions“ zeigt. Für Perspektive und Größenverhältnisse hat sie einige Zeichnungen angefertigt. Die Originalaufkleber müssen räumlich zum Haus passen. Das Bild bringt sie heute mit Aquarellfarben zu Ende. Sie ist froh, dass sie in der Gruppe malen kann. „Das Geben und Nehmen stimmt hier.“ Tina L. ist nicht auf Farben, Formen und Material festgelegt. Sie hat für mich ihre Mappe mitgebracht, ich bestaune ihre künstlerische Vielfalt.

Anna W., 35, ist heute „nicht so gut drauf“, sitzt vor ihrem Kunstwerk und beobachtet die anderen beim Malen am Tisch. Die letzten Monate hat sie ihre „Nana-Figur“ aus Maschendraht, Holz, Zeitungs- und Packpapier entwickelt. Die Plastik ist weiß bemalt, die künstlerische Weiterarbeit noch offen. Anna W. hat sich heute mit Larissa angefreundet.

Diese Text-Bild-Reportage ist ein Jubiläums-Geschenk „5 Jahre alleMunde – anders kommunizieren“ an die Stiftung Lebensräume.

Der Artikel wurde am 1. Juni 2019 im Offenbacher Stadt- und Kulturmagazin Mut & Liebe, Ausgabe 31/2019, veröffentlicht. Klicken Sie zum vollständigen Beitrag hier.

1. März 2019

Café FRIEDA – grüne Oase in Herzen der Stadt

Das Café FRIEDA ist eine versteckte und zugleich unterschätzte Auszeitoase vom Arbeitsalltag in der Offenbacher Innenstadt. Im ansprechend sanierten Frieda-Rudolph-Haus am Linsenberg – ein schlichter Flachbau von 1957 – überzeugt die ehemalige Seniorenbegegnungsstätte seit 2009 durch seine Retro-Innenarchitektur gepaart mit regionaler Küche. Große südseitige Glasfenster
verwandeln an kalten Tagen die FRIEDA in einen Wintergarten. Im Sommer können die Gäste ihren Blick auf der großen Terrasse über den geräumigen Büsingpark schweifen lassen. Authentische und originelle Mitarbeiter sorgen für eine natürliche Gastlichkeit. In der FRIEDA werden Frühstück, hausgemachte Kuchen und gesunde Mittagessen serviert. Sie hat sich zu einem beliebten Ort für Mitarbeitergruppen aus umliegenden Firmen und öffentlicher Verwaltung entwickelt.


Fotos: Lemnitzer-Fotografie

Die FRIEDA ist unter den Offenbacher Cafés die grüne Auszeitinsel inmitten der Stadt. Versteckt hinter dem Büsingpalais am Linsenberg ist das Kleinod von der S-Bahnstation Markplatz über den Ausgang Herrnstraße in wenigen Minuten erreicht. Vom Kulturkarree anspaziert, bietet im Frühling der Sophie-La-Roche Platz mit seiner Kirschblüte eine sinnliche Augenweide.

Immer wieder zieht es mich in die FRIEDA: Mal zum Mittagessen mit Geschäftspartnern, dann mit meiner Frau auf eine kleine Suppe, mit Freunden oder der Literaturgruppe zu Kaffee und Kuchen, gerne auch alleine mit Zeitungen, Büchern und Hund.

Lucia Bonaffini, 50, ist gelernte Einzelhandelskauffrau und seit 2016 verantwortlich für die Abläufe in der FRIEDA. Sie ist nicht die Frau für die Öffentlichkeit, werkelt lieber mit „ihrer Mannschaft“ in der Küche, die Fotokamera soll in der Tasche bleiben. Bescheiden und zurückhaltend spricht sie über die kulinarischen Spezialitäten des Hauses. Diese können sich aber sehen und schmecken lassen: Highlights
sind zu Mittag „Schnitzel ‚Büsing‘ mit Champignonsoße, Marktgemüse und Kartoffeln“ oder die vegetarische Variante aus Oberrad mit „Grüner Soße, Kartoffeln und vier halben Eiern“. Linsen-, Kürbis-, Karotten- oder Erbsensuppen werden nach „Jahreszeit und Wünschen der Gäste“ zubereitet. Und wenn der Lenz ruft, können sich die Gäste mit einem bunten Frühlingstopf verwöhnen oder bei Sommerhitze mit
einer kalten Gurkensuppe abkühlen lassen.

Zweimal wöchentlich wird auf dem Offenbacher Wochenmarkt frisch eingekauft. Die regionale Küche ist in der FRIEDA Programm. Damit alles gut verwertet wird, gibt es eine wechselnde Wochenkarte. Immer ist ein Pasta-, Fisch- und Fleischgericht dabei. In der Zubereitung kommen auch immer wieder italienische Gerichte auf die Speisekarte, sagt mit einem stolzen Lächeln die Küchenchefin Lucia Bonaffini.
Mitarbeitergruppen aus Firmen und öffentlicher Verwaltung können ihr Mittagessen nach Speisekarte vorbestellen.

Bis zu 40 Personen finden an zwei langen Tafeln im Separee Platz. Heute ist bereits um 11.00 Uhr für 25 Personen in Weiß eingedeckt. Wenn die Gäste um 12.30 Uhr eintreffen, wird im Handumdrehen das Essen serviert. Die FRIEDA ist auch auf Besucher mit
halbstündiger Mittagspause eingerichtet und dafür personell gut aufgestellt.

Mein Spaziergang durch den Büsingpark führt stets zu einer Pause in der FRIEDA. Ich freue mich immer auf diesen Ort der Ruhe. Auch auf die Menschen mit ihren schlichten und zugleich eleganten mausgrauen Blusen oder Hemden und schwarzen Schürzen an Theke und Bedienung. Ich genieße ihre offene und ehrliche Art, ihre wohltuende Natürlichkeit. Nichts ist aufgesetzt. Alex ist die Ruhe in Person, behält stets den Überblick im Café und beeindruckt durch seine originellen und trockenen Kommentare. Und wenn Sascha im roten Sportrolli
den Frühstücksklassiker WILLI serviert, ist für mich die Welt in Ordnung. Er ist der erste Kellner, der mich in meiner über 35-jährigen Kaffeehauskarriere im Rollstuhl bedient hat. Aufmerksam, freundlich und schnell wie ein Blitz.

Für Schleckermäuler gibt es bodenständige selbstgebackene Streuselkuchen mit Obst, Rahm, Schmand oder Pudding und auch hausgemachte Torten. Lucia Bonaffini kann neuerdings mit einer sündhaften „Pfeffernusstorte“ aufwarten. Gemahlene „Offenbacher Pfeffernüsse“ als Tortenboden gefüllt mit Joghurt, Mascarpone, Sahne und Heidelbeeren. Als die guten alten Pfeffernüsse 2014 ihre Renaissance erlebten, wurde der FRIEDA der Backauftrag dafür erteilt. In der Hauptsaison läuft ab September die Produktion für die Kaffeerösterei Laier auf Hochtouren.

Diese Textreportage ist ein Jubiläums-Geschenk „5 Jahre alleMunde – anders kommunizieren“ an die Werkstätten Hainbachtal GmbH.

Der Artikel wurde am 1. März 2019 im Offenbacher Stadt- und Kulturmagazin Mut & Liebe, Ausgabe 30/2019, veröffentlicht. Klicken Sie zum vollständigen Text hier.

1. Dezember 2018

Wohnen am Wilhelmsplatz

Im Juni 2018 hat die Stiftung LEBENSRÄUME das Wohnheim für psychisch kranke Menschen am Starkenburgring aufgelöst. Mit diesem Schritt wurde ein zentraler Teil des neuen Bundesteilhabegesetztes (BTHG) in Offenbach umgesetzt. Xenia Dick und Bernd Butzbach haben den einjährigen Veränderungsprozess mitgestaltet und die Menschen beim Umzug begleitet. Ein Gespräch.

Genau 30 Jahre wurden im Wohnheim am Starkenburgring bis zu 26 chronisch erkrankte Menschen stationär betreut. Diesen Sommer zogen die letzten 16 Bewohner in Wohnungen an den Wilhelmsplatz und in die Bieberer Straße. Beim Wort „Heimbetreuung“ drängt sich einem „Normalbürger“ schnell das Bild im Kopf auf, dass die Heimbewohner nach starren Regeln leben müssen: Feste Essens- und Ausgangszeiten mit Hausschließung um 22:00 Uhr, ein beaufsichtigtes Beschäftigungsangebot, vier Mal am Tag streng kontrollierte Tabletteneinnahmen. Wie sollen nun diese Menschen außerhalb des Heimes mit einem Leben in Freiheit zurechtkommen? Mir gegenüber sitzt Xenia Dick. Die 34-jährige Dipl.-Sozialpädagogin, beginnt aus dem Heimalltag zu erzählen: „Mit „Heiminsassen“ und „Hausschließung“ hatte unsere Arbeit nichts zu tun. In unserem Wohnheim, das wir zuletzt „Wohnhaus“ nannten, konnten die Menschen überwiegend eigenständig leben. Es gab zwar feste Strukturen mit Hausordnung und Essenszeiten. Die festen Zeiten waren jedoch aufgebrochen, die Bewohner konnten wählen, ob sie am Essen teilnehmen oder sich selbst versorgen möchten. Für uns stand die Wahlmöglichkeit im Vordergrund. Sie erledigten Einkäufe im Supermarkt oder am Kiosk, knüpften Bekanntschaften zu Nachbarn, sprachen mit wartenden Taxifahrern.“
Xenia Dick arbeitet seit fünf Jahren bei Lebensräume, begleitete Menschen im Wohnheim, betreut Wohngruppen in den Stadtvierteln, ist ambulant aufsuchend im Betreuten Einzelwohnen tätig und organisierte mit ihrem Kollegen Bernd Butzbach den Auszug der Heimbewohner.

Die Veränderung war für alle Beteiligten kein Selbstläufer. Im gemeinsamen Gespräch wird aber auch deutlich, dass die mit dem Umzug in die neuen Stadtteile verbundenen Sorgen und Ängste der Bewohner sich nicht wesentlich von den Aufregungen und Anstrengungen unterscheiden, die eben ein Umzug für jeden Menschen mit sich bringt, erzählt Xenia Dick. Die Geforderten scheinen bei der Auflösung des Wohnhauses am Starkenburgring auch die Betreuer zu sein: „Wir mussten die gewohnten Dienstabläufe neu überdenken und die Versorgung und Betreuung komplett umstellen“, erzählt Bernd Butzbach. Der 63-jährige Dipl.-Pädagoge arbeitet seit 23 Jahren bei LEBENSRÄUME und ist mit den Strukturen eines eingespielten Heimalltags bestens vertraut.

(…) Am Wilhelmsplatz leben jetzt sieben Menschen in zwei 3 und 4-Zimmerwohnungen. Um 8.00 Uhr morgens kommt ein Mitarbeiter des Funktionsdienstes in die Wohnungen, unterstützt bei Bedarf beim Frühstück, verabreicht die Medikamente, sieht nach der Wäsche. Zum Tagesablauf schildert Xenia Dick, dass ein Teil der Menschen in der Integrationsfirma ESSwerk arbeitet, die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen besucht oder zur Ergotherapie in die Luisenstraße geht. Jene, die keine oder noch keine feste Tagesstruktur haben, so die Dipl.-Sozialpädagogin, sind aber aktiv, im Stadtteil unterwegs und gestalten ihre Freizeit selbstständig. Abends kommt erneut ein Mitarbeiter, unterstützt beim Abendessen und bei der Medikamenteneinnahme. Freitags wird der „große Wochenendeinkauf“ besprochen und mit Begleitung erledigt – oder vom Mitarbeiter alleine, wenn es der Gesundheitszustand des Bewohners gerade nicht erlaubt. Wer möchte, kann am Wochenende alternativ an einem gemeinsamen Mittagstisch in der Luisenstraße teilnehmen.

(…) Die Hilfen im Bereich Wohnen werden nach dem neuen Bundesteilhabegesetz zukünftig in „Besonderen Wohnformen“ erbracht. Stationäres Wohnen in Wohnheimen soll es künftig in der jetzigen Form nicht mehr geben. Die Wohnungen am Wilhelmsplatz und in der Bieberer Straße sind von LEBENSRÄUME angemietet und liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnungen und Häusern von Offenbacher Bürgern. Dieses Wohnen „mittendrin und inklusiv“ ermöglicht Teilhabe und bringt Normalität in den Alltag. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention haben alle Menschen, unabhängig von Behinderung oder Erkrankung, das Wahlrecht auf die gewünschte Wohnform.

(…) Die Frage zum Schluss: Welche Unterstützung brauchen die Bewohner am Wilhelmsplatz und in der Bieberer Straße von den Nachbarn für ein gelingendes Zusammenleben? „Es braucht das Verständnis für Menschen, die anders sind. Wichtig ist, sie mit Respekt und Anstand zu behandeln wie jeden anderen Menschen auch“, äußert Xenia Dick. Für Bernd Butzbach ist die Akzeptanz ein wichtiger Aspekt: „Zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht so sind wie ich selbst. Ein Beispiel: Wenn ich gerne mit Nachbarn rede, muss ich auch akzeptieren, dass mein Gegenüber vielleicht nicht sprechen möchte.“

Der vollständige Text wurde im Stadtmagazin „Mut & Liebe“, Ausgabe 29/2018 veröffentlicht. Klicken Sie zum Artikel hier.

3. März 2018

Erzählte Frankfurter Poetikvorlesungen

Silke Scheuermann ist ein weiter(er) literarischer Sprung gelungen: Das in Offenbach wohnende Schreibtalent ist nach Wiesbaden bereits zum zweiten Mal in das Mekka der universitären Poesie aufgenommen worden. „Gerade noch dunkel Genug“ titelt sie ihre Lesereihe. Die Lyrikerin, Erzählerin und Romanautorin präsentiert ihre dreiteilige Poetikvorlesung um die Themen „Nacht – Tag – Zwielicht“ als Erzählkunstwerk.

Foto: Alexander Paul Englert

Nacht- und Tagwerke

Silke Scheuermann ist eine Meisterin des ersten Satzes: Mit „Erklären Sie mir den Unterschied zwischen Gedicht und Roman?“, eröffnet sie mit einer Frage, die ihr eine Zuhörerin nach einer Lesung auf der dunklen Straße stellte, die Frankfurter Poetikvorlesungen. „Das Gedicht ist als Momentaufnahme und Stimmungsäußerung mehr ein Nachtwerk, während ich den Roman, der für mich ein soziales Kunstwerk darstellt, als mein Tagwerk betrachte.“ Sofort hängen der Poetikdozentin die Zuhörer im gut gefüllten Saal an den Lippen, lassen sich auf ihrem erzählten Nachhauseweg in das mitternächtliche Arbeitszimmer mitnehmen. Als sie die Wohnung betritt, erhebt sich der Hund, streckt die Vorderpfoten, richtet die Hinterbeine auf, macht sich lang. Ist der Mantel ausgezogen und sind die Stiefel abgestreift, gleiten die Finger über Buchrücken, halten plötzlich bei einem Titel inne, ziehen ihn aus dem Regal in die Hände und mit der ersten Buchseite wird die literarische Welt lebendig. Bei ihren Worten spüre ich plötzlich in mir dieses großartige Glücksgefühl als Leser – weder Neuwagen noch Reihenhaus würde ich dafür eintauschen. Es ist ein bei sich zuhause sein, ein nur noch Dasein, ein Zustand, bei dem jegliche Materialität zu existieren aufhört und man doch mit der Welt im Einklang ist. Die Stimmung um Mitternacht.
Das Gedicht steuert rasch (…)

Das soziale Kunstwerk „Roman“

Bei Romanen ist „der Fokus enger gefasst: Zeit, Ort, Figuren – ein soziales Kunstwerk eben“. Auch hier gibt der erste Satz den Ton des gesamten Textes an: Mit „Glaubst du, das ist eine tote Nutte?“, beginnt Silke Scheuermann ihren neuen Roman „Wovon wir lebten“ (2016). Der zu laut gerufene Satz eines Jungen an der Mainuferböschung lässt Blesshühner, Enten und Nilgänse aus dem Schilf auffliegen, ein packender Entwicklungsroman mit über 500 Seiten in menschliche Abgründe nimmt seinen Lauf.
„Was macht es für einen Sinn, ein Buch zu schreiben über Personen, die es in Wirklichkeit nicht gibt“, wird die Autorin von einem Mitpatienten im Krankenhaus gefragt. Die „Gefühlschronistin der scheuen, der verborgenen Art“ (Die Zeit) schafft Figuren, wie es das wirkliche Leben nicht bietet. „Romanfiguren müssen lebendiger und um ein vielfaches interessanter sein als reale Menschen.“ Auch „der Autor muss sich beim Schreiben verwandeln können, Empathie zu seinen Helden reicht nicht aus“, sagt Silke Scheuermann in Anlehnung an Elias Canettis Rede „Der Beruf des Dichters“ (1976). Ein Jahr ging die Dichterin beim Schreiben von „Wovon wir lebten“ nicht ans Telefon (…)

Foto: Alexander Paul Englert

Im Zwielicht

„Wie erkläre ich meinem Hund, warum Zebras Streifen haben?“, fragt die Autorin und fügt fragend den Titel ihrer dritten Lesung hinzu: „Zwielicht oder träumen Zebras von karierten Löwen?“ Weiß und Schwarz, Tag und Nacht. Dienen die Streifen der Hitzeregulation oder sind sie mehr Schutz vor dem literarisch karierten Löwen? Soviel steht fest: Bewegen sich Zebras, verschwimmen ihre Abgrenzungen, das Dasein wird zu einem Dämmerungsdasein, das so stylische und extravagante Tier zur zwielichtigen Gestalt – wie die biertrinkenden Männer und schwarz gekleideten Jungs nachts am Mathildenplatz.
Das Zebra als Sinnbild des Scheiterns, der Dämmerung, aber auch der Übergänge und Spielräume zwischen Weiß und Schwarz, (…)

Ich besorge mir vom Büchertisch den Titel „Und ich fragte den Vogel“. Die Autorin signiert am universitären Lesepult: „Und ich fragte den Vogel, ob es gerade noch dunkel genug sei auf ein letztes Bier.“ Silke Scheuermann, Februar 2018. In der Döneria am Goetheplatz beginne ich darin zu lesen – bei einer Flasche Binding und einem scharf gewürzten Döner. Es ist gerade noch dunkel genug.

Der Artikel wurde am 1. März 2018 im Offenbacher Stadt- und Kulturmagazin Mut & Liebe, Ausgabe 26/2018, veröffentlicht. Klicken Sie zum vollständigen Text hier.

Silke Scheuermann:
Gerade noch dunkel genug,
Frankfurter Poetikvorlesungen,
Schöffling & Co Frankfurt,
ca. 96 Seiten, Englische Broschur
€ 18,60 – ISBN 978-3-89561-379-1
Erscheint im Mai 2018