20. Juli 2017

Wenn der Chef Hilfe braucht

Die Seligenstädter Musikschullehrerin Renate Müllemann leitet nach einem Schlaganfall mit Halbseitenlähmung und Sprachstörung ein Musikangebot für die Wohngruppe am Steinheimer Tor. Nach langer Rekonvaleszenz hat sie sich ins Alltagsleben zurückgekämpft. Doch sie braucht Unterstützung.

Renate Müllemann, 55, Sonderpädagogin mit Schwerpunkunkt Musik, wird 2010 mit einer schweren Hirnblutung aus dem Berufsleben gerissen. Künstliches Koma, mehrere OP, ein halbes Jahr Behandlung in einer neurologischen Akutklinik. Es folgen drei Jahre Behindertenwohnheim (Grasellenbach, Residenz am Wald). Sie schafft den Auszug in eine eigene Wohnung, seit 2014 lebt die Wahl-Bochumerin wieder in ihrer Geburtsstadt Seligenstadt mit ambulanter Unterstützung in eigener Wohnung.

Das Musiktalent hat Glück im Unglück: Renate Müllemann verliert die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, ihr Sprachzentrum ist nahezu zerstört, mithilfe einer Logopädin erlernt sie mit viel Aufwand einfache Wörter, um sich im Alltag verständigen zu können. Geblieben ist ihr die musikalische und emotionale Kompetenz (gesunde, rechte Gehirnhälfte).

Renate Müllemann ist eine Frohnatur. Sie summt und singt, beginnt einhändig Klavier und Horn zu spielen. Die ausgebildete Blockflötenlehrerin (Sopran bis Alt) muss sich für immer von ihren Instrumenten verabschieden, auch von der Gitarre. Dennoch gibt sie nicht auf. Sie liebt sie Musik, sucht nach neuen Aufgaben. Seit 2015 ist sie in St. Marien im Impulse Chor aktiv, übernimmt ehrenamtlich bei der Behindertenhilfe für die Wohngruppe am Steinheimer Tor das wöchentliche Singen.

Renate Müllemann hat Temperament, kann Menschen begeistern. Die wöchentlichen Singtreffen sind ein Erlebnis: Kraftvoll wird mit einer Hand dirigiert, mit dem Fuß der Takt vorgegeben. Die Musiklehrerin steckt alle an, schafft es, alle Teilnehmer einzubeziehen – auch reservierte Menschen. Wilfried L. (alle Namen der Bewohner geändert) begleitet mit der Mundharmonika. „Meine Eltern haben mich kein Musikinstrument lernen lassen, ich arbeitete auf der Baustelle, Renate hat mein Interesse geweckt.“ Achim Böttger, Mitarbeiter der Wohngruppe, möchte das wöchentliche Singen und die Auftritte bei Festen und Feiern mit Renate Müllemann nicht mehr missen. „Renate kann die Menschen für Musik begeistern. Das wöchentliche Singangebot ist ein wunderschöner Programmpunkt für die Bewohner. Das Musikprogramm bei den Sommer- und Weihnachtsfesten ist großartig.“
Gesungen wird querbeet: Von Kinderlieder wie „Wer will fleißige Handwerker sehen“ über Volkslieder (Kalinka) bis zu Schlagern wie „Mamor, Stein und Eisen bricht“ reicht die Palette. Beim „Schneewalzer“ begleitet Robert F. hingebungsvoll am Klavier. Dazu wird getanzt und die Mundharmonika gespielt.

Damit Renate Müllemann bei den Proben sich ganz den Teilnehmern widmen kann, braucht sie Unterstützung. Anna Stiebitz hat sie ein Jahr ehrenamtlich begleitet und dabei besser kennengelernt. „Renate braucht viel Aufmerksamkeit, man muss ständig bei ihr sein, um zu erkennen, was sie braucht“. Ein festes Programm gibt es nicht. Und doch sind die einzelnen Lieder sorgfältig vorbereitet. Renate Müllemann weiß genau was sie tut und von ihrer Assistenz braucht. „Ich bin der Chef – bitte helfen.“

Es liegen Noten und Requisiten bereit, die verteilt werden müssen, auch Instrumente und Tücher. „Man braucht Geduld, gerade dann, wenn Renate die Worte fehlen. Man muss mit ihr mitgehen, die Teilnehmer haben Spaß am Musikangebot, und für Renate ist es eine tolle Bestätigung. Ich nehme sie nicht als Behinderte wahr, sie ist die Chefin, es macht Spaß mit ihr zu arbeiten.“
Jetzt geht Anna Stiebitz für ein Jahr als Au Pair nach Amerika. Damit Renate Müllemann das Angebot fortsetzten kann, benötigt sie ab 4. September 2017 jeden Montag von 17 bis 18 Uhr eine Assistenz. Das gilt auch für Auftritte bei Festen und Feiern (Sommerfest, Nikolaus/Weihnachten, Fastnacht). Am Samstag, 26. August, singt Renate Müllemann mit ihrer Gruppe beim Sommerfest an der Seligenstädter Wallstraße 38-40.

Wir bedanken uns bei der Offenbach Post und Herrn Michael Hofmann, Leitung Lokalredaktion Seligenstadt, für den Abdruck des Artikels. Die Presseveröffentlichung können Sie hier aufrufen.