30. Oktober 2021

Augenglücke und Ohrenschmaus

Einen Wort-Bild-Dialog der besonderen ART führten kürzlich die Malerin Malgorzata Scholz und der Autor Johann Kneißl bei der Vernissage in der Galerie „Das Bilderhaus“ im Frankfurter Nordend. Jutta Uhlendorf-Baier, Kunstpädagogin, Galeristin und Inhaberin der Galerie, wies in ihrer Eröffnungsrede, die sich fragend den Ölbildern näherte und schnell in einen lebendigen Dialog mit der Künstlerin trat, auf die expressive Ausdrucksweise der Bildsprache zu profanen Alltagsthemen hin. Deutlich werde beim Betrachten der Bilder die Spannung und Unruhe der femininen Figuren, die Malgorzata Scholz durch ihre schnelle Arbeitsweise mit dynamischer Pinselführung geradezu potenziere, so die Galeristin. „Mein stressiger Berufsalltag mit Beginn um 5 Uhr morgens, die zwei Stunden täglich auf der Autobahn und dann erschöpft Zuhause ankommen, erzwingen das Malen zum täglichen Überleben – ich muss meine Spannung loswerden“, spricht Malgorzata Scholz in die Rede der Galeristin. Nachts erträume sie sich ihre Bilder und Figuren und versuche dann am nächsten Tag nach ihrer Arbeit „die Augenblicke – Augenglücke, die schnell in einer beschleunigten, überreizten Welt verfliegen“, mit dem schnellen Pinsel

auszudrücken, wie sie in ihren kleinen Texten, ihren „Homo-Frakturen“, festhält.
Pit Ufersteins Antwort, der für die Vernissage seine Gitarre mit Stahl- und Nylonsaiten bespannte, setzte den spannungsreichen Eröffnungsdialog spontan mit einem Trommelsolo auf seinem Instrument um, wie es später eine Besucherin treffend beschrieb. Es dauerte gefühlt drei Minuten bis das ohrenbetäubende Trommelfeuer abebbte und der O-Ton-Musiker seine Saiten wieder in den Griff bekam. Dann, haargenau an dem Punkt, wo die Musik sich ihren Raum zurückeroberte, begannen die Künstler ihren Wort-Bild-Dialog in die Gitarrenklänge einzufädeln. Alle sieben Dialoge, die in Form einer Wanderung durch die Ausstellung zu sieben Bildern gesprochen wurden, leitete die

Malerin mit einem Satzfragment aus ihren „Homo-Fraktur-Texten“ ein. Der Autor nahm mit fünf veröffentlichten – darunter der Prosatext „Mein erster Tag in Deutschland“ aus dem Werkstatt-Heft 1 seiner Buchstabenwerkstatt HER | AN | ZU | KUNFT –  und zwei aktuellen Prosagedichten den Faden auf. Stets waren es aber nur wenige Worte oder bis zu zwei Gedichtzeilen, deren Stimmung der Gitarrist spontan mit seinen Stahl- und Nylonsaiten aufgriff  und mit den Bildern in einen Dialog setzte.
„Sind das die unseren Augen-Glücke“, spricht Malgorzata Scholz zu ihrem gemalten Frauenkorpus im Festtagskleid, der befreit an einer langen Seilschaukel schwingt. Johann Kneißl antwortet mit seinem „Tessiner Abendkleid“: „Das himmelblaue / Tageszelt / verfärbt sich in / ein abendtrunkenes / Zwetschgenblau / / Knöchellang hängt / die Abendgarderobe / wie maßgeschneidert / über geformten Fesseln / in die Talsohle.“ Hinzudenken muss sich der Betrachter jedoch das knöchellange Kleid. Der Autor deutet es mit einer Handbewegung beim Lesen an. Es wird gelacht. Pit Uferstein spielt in die Verse hinein, verlängert das Kleid musikalisch, verbindet die Mal-und Sprachkunst.

Galerie: Das Bilderhaus: www.das-bilderhaus.de
Malerei: http://katalog.bbk-frankfurt.de/portfolio/malgorzata-scholz
Musik: https://www.facebook.com/uferstein
Texte: www.allemunde.de
Fotos: www.joerg-peter-hohmann.com