Besser Schreiben und Lesen lernen mit der Buchstabenwerkstatt

Es war wieder beeindruckend, welche Textschätze die Buchstabenwerkstatt in der vierten Auflage bei der Abschlusslesung am 23.10.2025 unter dem Titel „Von Afghanistan bis Argentinien“ ans Licht brachte. Sieben Menschen schrieben und veröffentlichten Kurzgeschichten ihrer Her-, An- und Zukunft. Ihre Gründe, warum  sie nach Europa bzw. nach Deutschland einwanderten, alles zurückgelassen haben, die so schwierige deutsche Sprache lernen und hier bleiben möchten, könnten unterschiedlicher nicht sein. Fünf Wochen lehrte ich 2025 an der technischen Hochschule Mittelhessen, THM, in Gießen jungen Student:innen Deutsch als Fremdsprache im Niveau C1. Mit dem Studienprogramm „Ingenieure ohne Grenzen“ wirbt die Uni international um Studenten im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Eine spannende Aufgabe mit aufgeweckten Menschen, die Deutschland bereichern werden. Dennoch blieb die Buchstabenwerkstatt „HER-AN-ZU-KUNFT“ mein anspruchsvollstes und nachhaltigstes Projekt. Mit den Kürzungen der Bundesregierung für Berufssprach- und Integrationskurse entstand kurzfristig eine Lücke in meinem Lehrplan. Nach einer kurzen Phase der Beunruhigung, hatte ich jedoch mit der Buchstabenwerkstatt und den persönlichen Geschichten der Menschen, die sie in der neuen Fremdsprache schreiben wollten, mit beiden Händen zu tun. Aber der Reihe nach:

Die junge Mutter in Russland erfährt 2017 von einer Spezialbehandlung in einer Münchener Klinik, die ihrer schwerkranken und behinderten Tochter die Aussicht auf ein Überleben ermöglichen könne. Es gelingt ihr, über öffentliche Aufrufe die benötigte Geldsumme aufzutreiben. Die Operation gelingt, bleibt aber nicht die einzige. Bereits der erste Aufenthalt zeiht sich in die Länge, sie kommt bei Ordensschwestern unter. Die Tochter ist inzwischen neun Jahre alt, spricht drei Sprachen. Valeria Glasmacher-Savoskina, Mutter und Sporttherapeutin, findet ihre große Liebe, lernt die deutsche Sprache und ist mit einem deutschen Mann glücklich verheiratet. Sie möchte als Sporttherapeutin Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am Leben erleichtern. Ihre Geschichte hat sie im Werkstattheft 4 unter dem Titel „Die Achterbahn eines Lebens – Hör nicht auf zu träumen“ veröffentlicht.

Ahmed K. und seine Frau, beide Absolventen der Lebensmittelwissenschaft in Kabul/Afghanistan, bewerben sich in Europa um ein Master- bzw. Doktorandenstipendium. Sie werden in der Bratislava/Slowakei angenommen, reisen mit zwei Kleinkindern an. Als sie nach drei Jahren ihre Studien erfolgreich abgeschlossen haben, müssen sie das Land verlassen, können aber nach der erneuten Machtübernahme der Taliban nicht wie geplant in ihr Land Afghanistan zurück. Die Eltern lernen Deutsch, teilen sich die Familien- und Kinderarbeit, unterstützen die Söhne in der Grundschule, bringen sie zum  Fußballverein VFB 06 Großauheim/Hanau. Ahmed K. und seine Frau bereiten sich auf eine Berufstätigkeit im Bereich der Lebensmittelsicherheit in Deutschland vor. Ahmed Ks. Kurzgeschichten sind unter den Titeln „Der erste Tag im Fußballverein“ und „Die Reise der Familie nach Europa“ ebenfalls im vierten Werkstattheft abgedruckt.

Eine ganz andere Geschichte erzählt Carla Marianela Salinas de Gomez aus Argentinien. Sie kommt aus sehr ärmlichen Verhältnissen, sieht für sie als Frau keine berufliche und damit wirtschaftliche Perspektive, träumt bereits mit vierzehn Jahren von Deutschland und vom Erlernen der deutschen Sprache. Ihr Glück erfüllt sich: Sei trifft eine deutschstämmige Frau, die ihr die Sprache beibringt. Mit 21 Jahren verlässt sie Argentinien, kommt als Apair-Mädchen nach Mainz, holt ihr B2-Zertifikat nach und findet hier ihre große Liebe. Die Mutter von zwei Kindern engagiert sich n der Kirche und betreibt als  Tagesmutter die Kindergrippe „Perla Wunderland“ mit vier Kleinkindern im Alter von ein bis drei Jahren in Offenbach. Sie liebt dieses Land, die Menschen in der Stadt, die aus vielen Ländern kommen. „Wort für Wort ins Licht“ ist der Titel ihrer Kurzgeschichte.

In allen vier Buchstabenwerkstätten, die ich mittlerweile umgesetzt habe,  ist allen Menschen gemeinsam, dass sie ein großes Bedürfnis haben, ihre eigene Geschichte in der neuen Sprache zu schreiben, eine Geschichte über ihre Her- An- und Zukunft. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, für sich selbst zu schreiben und ihre neu erlernte Fremdsprache Deutsch auszuprobieren, vielmehr, so betonen sie in ihren Texten, möchten sie anderen Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation Mut machen und zweigen, dass man immer wieder neu anfangen kann, auch wenn man alles verloren hat. „Man muss nicht perfekt sein, um voranzukommen. Nur mutig genug, es zu versuchen. Und ganz fest daran glauben: Es wird gut. Nicht sofort. Aber irgendwann.“ (Olena Samusevych, Lwiw, Ukraine)

Olena Samusevych ist eine von ihnen. Sie lebt seit Beginn des russischen Terrorkrieges gegen die Ukraine mit ihren beiden Töchtern in Offenbach. Sechs Monate alt war ihre kleinste, als sie in der ersten Bombennacht auf ihre Wohnsiedlung mit ihrem Menn entschied, nach Deutschland zu fliehen. Ihr Mann blieb, „beschützt das Land“, schreibt sie. Die Englischlehrerin, die sieben Jahre lang an der renommierten Iwan-Franko-Universität in Lwiw gearbeitet hat, bringt morgens ihre kleine Tochter in den Kindergarten, die große in die Schule, geht danach in den Deutschkurs. Mittlerweile hat sie das B2-Zertifikat, lernt weiter die Sprache und sucht eine Stelle als Englischlehrerin. Sie möchte dem Land, von dem sie Hilfe erfahren hat, „alles zurückgeben“.  Ihre Geschichte kann unter dem Titel „Zwischen zwei Welten“ gelesen werden.

Mich beeindrucken diese Geschichten zutiefst. Ich bin im Juli 1985 nach Deutschland eingewandert, lebe jetzt Jahre 40 Jahre in der multikulturellen Stadt Offenbach mit Menschen aus 160 Ländern. Ich begegne die Teilnehmer:innen meiner Sprachkurse und Buchstabenwerkstätten im Alltag, im Bus, der S-Bahn, teilweise Jahre später, einige wohnen bei mir im Stadtviertel. Sie bringen ihre Kinder in die Kita, holen sie von der Schule ab oder stehen mit ihren Partnern hinter mir an der Supermarktkasse. Sie erzählen von ihrem neuen Arbeit, einer Weiterbildung, ihrer erfolgreichen Berufsanerkennung. Vor zwei Monaten berichtete mir eine Mutter mit ihrem Kita- Kind an der Hand, dass sie als Apothekerin in der Klinikapotheke im Sana-Klinikum Offenbach arbeite. Sie besuchte bei mir einen Integrationskurs, lernte ihre ersten Sätze wie „Ich komme aus Rumänien. Ich wohne in Offenbach. Ich habe Familie, einen Mann und eine Tochter“. Mittlerweile spricht sie sich fließend auf C1 Niveau. Sie zeigt mir stolz ihren neuen Führerschein.

Auch mein eigener Weg war nicht der einfachste. Ich kam mit einer Sporttasche und 100 Deutsche Mark im Portemonnaie, die ich in Graz eintauschte, mit 22 Jahren nach Offenbach. Ich begann als Pflegehelfer zu arbeiten und holte das Abitur nach. Auch ich musste kräftig an der deutschen Sprache „ackern“. Sie ist meine erste Fremdsprache. Aber ich schaffte das Abitur, auch mein Germanistik- und Philosophiestudium an der Goethe-Universität in Frankfurt. Ich habe hier viel Unterstützung erfahren, wertvolle Menschen aus allen Ländern der Welt kennengelernt. Heute kann ich meine Erfahrung im Fach Deutsch als Fremdsprache und Politik anderen Menschen weitergeben. Jetzt bin ich 63 Jahre alt und mache gerade die Zusatzqualifikation im Schwerpunkt Alphabetisierung für Erwachsene. Im Dezember habe ich meinen ersten Kurs begonnen, arbeite mit den Lerner:innen an der herausfordernden Übertragung der gesprochenen Laute in geschriebene Buchstaben. Von ursprünglich 7,5 Millionen können immer noch 6 Millionen Menschen in Deutschland nicht ausreichend lesen und schreiben, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Häufig arbeiteten sie in ihren Geburts- und Bürgerkriegsländern seit ihrer frühen Kindheit, konnten nicht oder nur wenige Jahre eine Schule besuchen, lebten als Binnenflüchtlinge. Viele leben seit zwei Jahrzehnten in Deutschland. Jetzt lernen sie lesen und schreiben. Mit Stolz.

Die Fotos zeigen die lesenden Autor:innen Ahmad K., Carla Marianela Salinas de Gomez, Mariella Freifrau von Flotow, Olena Samusevych, Valeriia Glasmacher-Savoskina und Volodymyr Strus, den Gitarristen Patrick Steinbach aus Neu-Isenburg, die Betreiberin des Möglichkeitsraum zweiTLOF:FT Bobbel Jacobs und die Projektleiter:innen der Buchstabenwerkstatt Yasemin Ünlü und Johann Kneißl bei der Lesung am 23. Oktober 2025 im zweiTLOF.FT in Offenbach.

Für das Kalenderjahr 2026 ist eine Buchstabenwerkstatt mit der vhs Hanau für geflüchtete und zugewanderte Menschen geplant, die in regulären BAMF-Integrationskursen aufgrund unterschiedlicher Benachteiligungen das Lernziel B1 nicht erreichen konnten oder sich mit einem zusätzlichen geförderten Kursangebot auf dem Weg dorthin befinden.

Leseproben zu den Werkstattheften finden im Hauptmenü unter „Schreibwerkstätten“.